Nicht auf Linie unter der Gürtellinie
Letztens nach einem Auftritt kam eine Zuschauerin zu mir und fragte mit einer unbeirrbaren Unverschämtheit: «Tuckst du?» Nun wissen vielleicht nicht alle geschätzte Leser*innen, was Tucking ist. Ich muss Sie enttäuschen – es hat nichts mit dem deutschen Wort Tucke zu tun. Es handelt sich um ein englisches Wort, das eine ganz bestimmte Technik beschreibt, die manche Dragqueens anwenden. Achtung, wir rutschen unter die Gürtellinie: Beim Tucking wird das beste Stück so mit Klebeband zu fixieren, dass die charakteristische Wölbung verschwindet. Auch was sonst noch da unten herumhängt, wird geschickt verstaut. Jene Drags, die diese Technik anwenden, tun das, um möglichst alle Hinweise auf ihr Anhängsel zu verbergen. Spoiler: Ich gehöre nicht dazu. Viel lieber als mit solch weltlich-fleischlichen Sorgen übe ich mich in der geistreichen Kunst der Konversation. Anders formuliert: Lieber eine flache Moderation als einen flachen Unterleib. Nun weiss ich nicht, wie es Ihnen geht, geschätzte Leser*innen, aber ich halte es für unhöflich, eine fremde Person nach dem Aufenthalt ihrer Genitalien zu fragen. Doch das war nicht der einzige Grund, warum mich die Frage dieser impertinenten Person indigniert hat. Mir scheint, es hat sich in vielen Köpfen eine klare Vorstellung eingeschlichen, was und wie eine Dragqueen zu sein hat. Das hat wesentlich mit der erfolgreichen Casting-Show RuPauls Drag Race zu tun. Dort tucken die Drags wie wild, sie werfen sich in teure Kostüme (wehe, das Kleid stammt von H&M!), schminken sich auf eine bestimmte Art (wehe, die Augenbrauen sind nicht mit Leim abgeklebt!), performen nach Schema X (wehe, die Drags können keinen Rückwärts-Deathdrop-Salto-Spagat-Purzelbaum!) – kurz: es wird ein klares Bild präsentiert, wie eine Dragqueen zu sein hat. Wer dem nicht entspricht, wird entfernt. Gegen die Sendung an sich ist nichts einzuwenden, auch ich schaue sie mir ab und zu an, trotz ihrer Beliebigkeit. Auch gegen die Drags, die dabei sind, möchte ich nichts sagen. Ich bewundere ihr Talent. (Sich den Appendix einmal um den Unterleib zu schlingen, verlangt einiges an Geschick!) Nur finde ich es schade, dass viele glauben, so und nur so habe eine Dragqueen zu sein. Dieser überdrehte Schönheitswettbewerb präsentiert eine sehr US-amerikanische Version von Drag, lässt dabei aber kaum Platz für die reiche Geschichte und die vielen unterschiedlichen Facetten von Travestie. Mir geht es nun genau nicht darum, verschiedene Arten von Drag gegeneinander auszuspielen, sondern zu sagen, dass Drag mehr ist als RuPauls Drag Race. Dass es eben nicht darum gehen soll, einer bestimmten Vorstellung von Drag zu entsprechen und dass es schon gar kein richtiges Bild einer Dragqueen gibt. Die Vielfalt und die Unterschiedlichkeit ist es, was unsere Kunstform bereichert – nicht der eintönige Einheitsbrei. Drag ist nicht dazu da, alle Ecken und Kanten wegzukleben, sondern sie stolz und in ihrer Vielfalt auszustellen – manchmal auch jene unter der Gürtellinie.