Rede Einweihung Queer Memorial Zürich
Am 20. August 2026 wurde das erste Queer Memorial der Schweiz auf dem Friedhof Sihlfeld eingeweiht. Mona durfte an der Einweihung eine Rede halten.
Geschätzte Anwesende, sehr geehrte Damen bis Herren, alle dazwischen, innerhalb und ausserhalb, liebe Allies, liebe Community. Wissen Sie, ich habe ja versucht, meine Rede nicht gleich mit mir beginnen zu lassen. Ich habe zu mir gesagt: Mona, heute geht es einmal nicht um dich. Doch ich komme nicht umhin. Denn wissen Sie, so eine Dragqueen wie ich nimmt halt gerne Raum ein, sie ist gerne weitherum sichtbar und vor allem braucht eine Dragqueen halt ihr Publikum, auch wenn das den einen oder die andere vielleicht stören mag. Kann gut sein, dass ich genau wegen dieser, wegen meiner Unzulänglichkeiten angefragt wurde, hier eine Rede zu halten. Denn was man einer Dragqueen vielleicht als – zugegebenermassen: charmante Schwächen auslegen würde, das sind genau die Stärken eines Denkmals. Denken Sie mal darüber nach: Auch ein Denkmal soll Raum einnehmen, es soll sichtbar sein und es braucht jene, die es bestaunen, auch wenn manche andere an ihm vielleicht Anstoss nehmen werden. Ich sage Euch darum: Möge das Queer Memorial, das wir heute feierlich einweihen, wie eine Dragqueen sein.
Möge es Raum beanspruchen wie eine Dragqueen, und dabei an jene erinnern, die Räume schufen und Raum einnahmen, als man queeren Menschen einen Platz in der Gesellschaft verweigerte. Ich denke da an all die namenlosen Vorkämpfer*innen, deren Spuren im Strudel Zeit der verloren gingen oder absichtlich verwischt wurden. Ich denke aber auch an jene, deren Namen wir kennen: An Adine P., eine der ersten trans Frauen Zürichs, deren Geschichte überliefert ist. Schon 1914 wandte sie sich mit der mutigen Bitte an die Behörden, legal Frauenkleider tragen zu dürfen. Obwohl sie in der Folge ihre Arbeitsstelle verlor, liess sich Adine nicht entmutigen. Sie schaltete Stellensuche-Inserate in Tageszeitungen, wo sie sich stolz als trans Frau zu erkennen gab und so ihren Raum beanspruchte.[1]
Ich denke auch an Vorkämpferinnen wie die lesbische Anna Vock. Gemeinsam mit anderen Frauen gründete sie hier in Zürich vor 95 Jahren den ersten Verein für frauenliebende Frauen: Den Damenclub Amicitia. Bald schon öffnete Vock den Verein auch für männerliebende Männer, die eine Gemeinschaft suchten. Und so wurde Anna Vock zur Mutter der Community, zu Mammina, wie man sie fortan nannte. Mehrfach wurde sie in der rechtsextremen Presse diffamiert und angegriffen, mehrfach verlor sie deswegen ihre Arbeitsstelle und mehrfach wurde sie wegen fadenscheiniger Gründe verhaftet. Doch auch sie liess sich nicht beirren, beanspruchte ihren Raum – frei nach dem Motto ihres Vereins: Die Welt gehört uns doch![2]
Ich denke auch an Vorkämpfer wie Karl Meier, der über Jahrzehnte hinweg die Zeitschrift Der Kreis führte. Mit dem Kreis schuf er in den 1940er-/50er-/60er-Jahren einen Raum, in dem sich homosexuelle Männer aus ganz Europa in Zürich vernetzen, austauschen und gegenseitig unterstützen konnten. Nie gab er auf, selbst als die Stadtpolizei illegalerweise begann, homosexuelle Männer auf Razzien zu verhaften und zu registrieren. Immer setzte er sich dafür ein, dass der Kreis ein Raum für die Community blieb.[3]
Ich sage Euch aber auch: Möge das Queer Memorial nicht nur Raum einnehmen wie eine Dragqueen, möge es auch sichtbar sein wie eine Dragqueen. Das heisst: sichtbar auf eine selbstbestimmte Weise. Denn Sichtbarkeit ist ein zweischneidiges Schwert. Im Laufe der Jahrhunderte wurden queere Menschen zur Unsichtbarkeit verdammt und trotzdem allzu oft zwangsweise sichtbar gemacht. Ich denke an die vielen schwulen Männer, die sich seit den 1980er-Jahren mit dem HI-Virus ansteckten und an Aids starben. Vom Stigma der Krankheit gezeichnet, wurden sie auf ungewollte Weise sichtbar, angreifbar und homophoben Ressentiments ausgeliefert. Darum soll dieses Memorial für den Wunsch stehen, dass wir heute nicht mehr zwangsweise, sondern selbstbestimmt sichtbar sein können.[4]
Ich sage Euch aber auch: Möge das Queer Memorial nicht nur Raum einnehmen und selbstbestimmt sichtbar sein wie eine Dragqueen, sondern auch immer genug Publikum haben. Eine Drag-Show ist bekanntlich nur so gut wie ihr Publikum. Darum liegt es an Euch! Ich möchte Euch alle dazu auffordern, eurem Umfeld von unserem Erinnerungsort zu erzählen. Damit – wie auch an all meinen Shows – das Publikum nie ausbleibt, nie mit der Zuwendung aufhört, nie genug von mir – äh – vom Queer Memorial bekommen kann. Seien wir Zeug*innen der queeren Vergangenheit, damit sie nie vergessen geht, aber auch Zeug*innen der queeren Gegenwart. Denn – ich habe es erwähnt: Nicht allen gefällt es, wenn eine Dragqueen, wenn ein queeres Denkmal allzu sichtbar wird, allzu viel Raum einnimmt, allzu viel Publikum erhält. Die Ewiggestrigen sind noch nicht verschwunden. Sie stören sich daran, dass wir uns lieben; daran, dass wir ein selbstbestimmtes Leben führen; daran, dass wir frei sein wollen. Erst kürzlich haben wir in Berlin auf schmerzlichste Weise erleben müssen, was passiert, wenn sich unsere Community selbstbewusst und stolz zeigt. Faschistoide Bewegungen – egal ob sie in rechtem oder religiösem Fanatismus wurzeln – greifen uns an. Der Backlash schlägt mit voller Wucht zu.
Unsere Antwort darauf darf nicht sein, dass wir uns weniger sichtbar zeigen, dass wir weniger Raum einnehmen oder weniger Menschen um uns scharen. Und ganz sicher darf unsere Antwort nicht sein, dass wir uns in internen Grabenkämpfen verlieren oder uns gar von solchen Angriffen spalten lassen. Darum lasst uns das Queer Memorial auch zum Anlass nehmen, zusammenzustehen. Es soll uns daran erinnern, dass wir immer dann erfolgreich waren, wenn wir solidarisch, Seite an Seite miteinander und füreinander eingestanden sind. Ich denke zum Beispiel an den ersten Christopher Street Day 1978 auf dem Platzspitz. Innert kürzester Zeit gelang es damals 5000 Unterschriften für die Abschaffung des Schwulenregisters zu sammeln – eben, weil die verschiedenen Organisationen, weil die Lesben und die Schwulen ihre Differenzen beiseite gelegt hatten. Kein Jahr später war dieses illegale Register der Polizei Geschichte.[5] Darum sage ich Euch nochmals: Lasst uns zusammenstehen, solidarisch miteinander für eine gerechtere Welt kämpfen – hier und anderswo.
Zu Beginn habe ich gesagt: Möge dieses Queer Memorial wie eine Dragqueen sein. Jetzt, am Ende, möchte ich das umdrehen: Mögen auch wir ein bisschen wie dieses Denkmal sein. Mögen wir Raum einnehmen, wenn man uns keinen geben will. Mögen wir sichtbar sein, wenn man uns unsichtbar machen möchte. Mögen wir füreinander Publikum sein, wenn andere wegschauen. Und mögen wir uns erinnern – an jene, die dafür gekämpft haben, dass wir heute hier stehen können. Denn wir stehen hier. Gemeinsam. Sichtbar. Und mit ziemlich viel Publikum.
Was kann eine Dragqueen schon mehr wollen als das? Vielen Dank!
[1] Ruoss, Matthias: Arnold, Arnoldine, Adine, in: Geschichte und Gesellschaft 49 (4), 2023, S. 525–545.
[2] Kokula, Ilse; Böhmer, Ulrike: Die Welt gehört uns doch! Zusammenschluss lesbischer Frauen in der Schweiz der 30er Jahre, Zürich 1991.
[3] Salathé, André: Karl Meier «Rolf» (1897-1974). Schauspieler, Regisseur, Herausgeber des «Kreis», in: Thurgauer Beiträge zur Geschichte 132, 1995, S. 203–214.
[4] Lindenmann, Jean: Aids, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), 08.07.2015. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/025625/2015-07-08/
[5] Urech, Tobias: Die Geschichte einer Befreiung, in: DU – das Kulturmagazin, Nr. 914, Juni 2022.